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Kapitel 1: Die Familie


Er fiel. Und fühlte es nicht einmal. Was Fallen zu Schweben machte; und Schweben zu Hängen machte. Er sah blau, doch wusste nicht, ob das Himmel oder ein blaues All war. Er führte seine Hand vor die Augen, erschrak, denn er sah nichts, fasste sich an die Stirn, fühlte nichts. Er schloss die Augen, was nichts änderte. Die Lider fehlten. Oder die Augen fehlten. Er rang um Luft, fand keine. Und war immer noch da.

Wenn er durch Supermärkte irrend vor umstürzenden Türmen spritzender, grüner Flaschen floh, wenn die Frau an der Kasse Münzen einstreichend seine Proteste lächelnd überhörte, während der Riese im Mantel drohend hinter ihm stand, dachte er, erleichtert: Ich träume. Dann schüttelte er sich immer. Und erwachte und merkte, dass er nicht erwacht war. Oft fiel er durch ganze Serien solcher Täuschungen, bis er vergaß, dass er träumte. Oder doch erwachte. In den Schatten seines Zimmers suchte er dann nach Beweisen dafür, dass er in der wirklichen Welt lag.

Er schüttelte sich. - Wirklich? Konnte sich hier etwas bewegen?

Dann sah er im blauen All einen schwarzen Punkt langsam größer werden. Etwas Rundes, ein zunehmendes Oval. Das entweder aus der Ferne kam. Oder aus einem nahen Punkt wuchs. Bis zur Größe eines Kopfes. Züge erschienen.

"Na", fragte eine nasale Stimme, "weißt du, wer das ist?"

Er erinnerte sich an den Namen Markal Dunois, doch ärgerte sich, dachte: Ich stelle die Fragen!

"Wo bin ich?"

Keine Antwort.

"Wo bin ich?!", wiederholte er, doch die Frage 'Weißt du, wer das ist?' beschäftigte ihn mehr. Ich, die Antwort: Ich, lag nahe.

Doch was er erkannte, war die Frau.

Er sah ihre graue Augen in rotem Weiß schwimmen. Sie hatte geheult und er - hatte noch keine Sprache. Nur ein Wissen, dass alles eins war. Er wimmerte.

Sie lallte: "Komm, wir fahren zur Großmama, die liebt uns wenigstens." Als sie ihn unsanft in einen Tragekorb packte, protestierte er lauter.

Das ärgerte sie, denn - verdammt, sie war diejenige, die ein Recht hatte aufzubegehren! In Jeans grauem Jackett hatte sie den französischen Brief gefunden; schließlich sich die Sherryflasche geholt und trinkend seine Wäsche gebügelt. Um eins hatte sie ihn zum Bahnhof fahren müssen. "Ich würde so gern mitkommen", hatte sie auf dem Bahnsteig in sein Ohr geflüstert. "Je sais, ich weiß", hatte er gesagt. Dann fuhr er. Nach Paris. Zu Michelle.

Markal sah nur die tragende Hand scharf; der Arm, der wandelnde Berg ihres Körpers verschwammen, der Himmel schwankte. Er schrie.

Als sie mit ihm am Auto stand, konnte sie das Geplärr aus diesem roten Kopf nicht mehr ertragen, schüttelte das Körbchen und fauchte: "Ich tue alles für euch und ihr tretet mich!" Dann bekam sie mit ihren unsicheren Fingern endlich die Tür auf.

Markal lag auf der Rückbank im Korb. Alles war blau und das leer. Das Brummen des Autos füllte den Raum. Das beruhigte, zeigte an: jetzt keine Gefahr.

Angekommen vor dem Haus ihrer Eltern; Elisabeth, in der es noch dachte: '.. ihr verratet mich, ihr verratet mich ..', stellte den Motor ab. Und freute sich, wie still es jetzt hinter ihr war.

 

"Weißt du, wer das ist?", flüsterte Björn.

Elena dachte: Die Gäste auf meiner eigenen Geburtstagsfeier werde ich ja wohl kennen, und fragte: "Wen meinst du?"

"Neben Sibille."

Sie murmelte: "Markal -", dachte: der Typ mit den meergrünen Augen, der mir ein Rätsel ist.

Sie krähte über ihre Geburtstagsgäste: "Das ist Markal. - Und ich werde die Ehre haben seine Doktorarbeit zu tippen!"

Björn grinste, Markal lächelte verlegen, Sibille flüsterte Wilhelm etwas ins Ohr. Björn fasste ins Gras, beugte sich vor, bedenklich weit über den Geburtstagskuchen, streckte die rechte Pranke aus und brummte: "Ich bin Björn". Markal zögerte, dann nahm er die Hand, murmelte: "Wie ich heiße, weißt du jetzt ja."

Elena sagte: "Sibille, kannst du mir helfen?", sie wollte die Baklava holen, und mehr Tassen und Kaffee.

 

Sie gingen  über die Wiese auf die Häuser zu, Elena hatte Sibilles Hand genommen, sie schwärmte: "Das Wetter ist herrlich!" Und dachte an Markal, der wahrscheinlich seine sarkastische Braue hochziehen würde, wenn er sie einen so banalen Satz sagen hörte. Aber sie hatte wirklich Glück: 29. April, die Sonne schien. Wie durch ein Wunder war es in diesem kalten Deutschland schon so warm, dass sie ihr Sommerkleid trug.

Sie suchte mit den Augen Sibille, die ihr nur einen kurzen, blauen Blick gewährte, mit ihrer dünnen Hand eine rote Strähne aus der Stirn wischte und sagte: "Wegen der Reise -"

"Ja?"

"Wir treffen uns dann am Mittwoch hier?"

"Ja, aber erst um halb sieben, Hans kann früher nicht, er .."

Sibille: "Da kommt er."

Elena folgte ihrem Blick, sie hatten die Straße fast erreicht, von rechts kam ein Radfahrer mit riesigem Haarschopf. Sie lächelte, Sibille murmelte: "Wenn man vom Teufel spricht ..."

 

Markal blickte über die Wiese auf die drei Figuren am Eckhaus: Elena in einem schwarzen Kleid mit gelben Rosen, Sibille in Jeans, Hans, der eben vom Fahrrad stieg, in kurzen Hosen. War es denn so warm? Markal konnte sehen, wie er Elena ein Päckchen gab und sie dann küsste.

Eine Stimme fragte: "Worüber geht denn deine Doktorarbeit?"

Markal folgte dem Ton, sah Björns bärtige Wikingerfresse, auf die er nun scharf stellte.

"Meine Doktorarbeit -"

"Ja."

"Theoretischer Oktopismus."

Björn grinste: "Dieses abgehobene Zeug."

"So heißt es - verstehst du was davon?"

"Um Gottes willen."

"Es ist nicht so abgehoben, wenn man was davon versteht."

"Das glaub' ich gerne, worum geht denn deine Arbeit?"

"Um das Dreikörperproblem. - Der Titel lautet -", Markal holte Luft, stellte auf Tunnelblick, "Das Dreikörperproblem des Oktopismus als Spezialfall einer Gebrauchsbeziehung unter besonderer Berücksichtigung chaotischer Zonen und ihrer Dämpfung durch den oktopistischen Äther".

Björns Mund stand offen, es war ein bekannter Effekt. Markal hatte nun etwas  Zeit zur Entspannung und sah solange auf die schöne, grüne Wiese, wo Hans - mein Freund Hans! - sein mit Aufklebern übersätes Fahrrad heranschob. Sein gelbes Trägerhemd trug in fetten schwarzen Lettern die Aufschrift: AKTION!

"Kannst du eigentlich nicht tippen?", fragte da eine Stimme, nicht Björns. Markals Kopf drehte sich diesmal nach rechts. Der Sprecher saß auf der anderen Seite von Sibilles leerem Platz, ein flachsblonder Bauernbursch mit Nickelbrille.

"Du meinst -?"

"Weil Elena deine Arbeit tippt."

"Ach so. - Es geht um die Formeln. Weil meine Arbeit zur Hälfte aus Formeln besteht. Und mit diesem Formulax-Programm dauert das ewig. Deswegen wollte ich die erst mal mit der Hand eintragen. Aber Elena hat gesagt, das ist ja wie vor hundert Jahren und sie kann das. Außerdem hasse ich Computer."

Björn von gegenüber: "Du hasst Computer?"

Markal: "Ja."

Björn: "Ich dachte Oktopisten arbeiten ausschließlich am Computer."

Markal seufzte: "Meine Doktorarbeit ist eine rein konzeptionelle, theoretische Arbeit, aber es stimmt, ich fürchte, dass ich in Zukunft ... "

Er unterbrach sich, denn Hans war herangekommen, machte gerade "Huhu" in die Runde. Er ließ sich neben Björn nieder, wo Elena vorher gesessen hatte. Markal kriegte Angst, weil er nicht wusste, wo Elena dann sitzen würde, murmelte aber, bemüht herzlich: "Hallo Hans!", was Hans, der gerade mit Björn sprach, wohl nicht hörte.

Es stimmt aber, dass ich sehr langsam tippe, hatte Markal noch im Sinn zu sagen, auch weil er den bäurisch aussehenden Blonden bei all seiner Steifheit sympathisch fand, aber der schaute nun so stur vor sich hin, dass er ihn dabei doch nicht stören wollte. So wanderte sein Blick wieder zu Hans, der sich eben die Sandalen ausgezogen hatte und mit seinen pervers vorstehenden großen Zehen wackelte, als zeige er etwas besonders Schönes vor. Angewidert, aber freundschaftlich grinsend fand Markal endlich seine blassen Augen. Hans strahlte, der Haar-Halo um seinen schmalen Schädel strahlte in der Sonne.

"Hallo Markal!"

"Hallo Hans, du kommst spät!"

Hans lachte: "Elena hat mir schon verziehen."

"Wo warst du denn?"

"Bei meiner Aktionsgruppe."

"Deiner Aktionsgruppe?"

"Ja", Hans lächelte: "Hallo Wilhelm!"

Der Blonde antwortete: "Hallo Hans".

Markal ging ein Licht auf: "Du bist Wilhelm?"

"Ja."

"Sibilles, äh ..."

Wilhelm zuckte mit den Schultern.

Björn grinste: "Er weiß es nicht genau."

Hans: "Was sagt denn Sibille dazu?"

Wilhelm: "Ich glaube, das musst du Sibille fragen."

Hans sah aus, als wolle er noch tiefer bohren. Markal ging schützend dazwischen: "Hans, welche Aktionsgruppe denn nun?"

Hans: "Die Aktionsgruppe Gelb."

Markal zog fragend die Brauen hoch, Björn lachte. Wilhelm fragte: "Wenn Elena deine Arbeit tippt, versteht sie dann eigentlich, was sie tippt?"

Markal: "Wahrscheinlich wird sie nicht viel verstehen, aber .."

Hans: "Ist das dann eigentlich eine gute Idee?"

Markal: ".. wenn ich mir jemand suchen muss, der das alles versteht, ich fürchte ..."

Björn grinste: "Dann musst du selber tippen."

Markal: "Oder meinen Professor bitten."

Wilhelm, stoisch ernst: "Und was würde der sagen?"

Markal: "Na ja, ehrlich gesagt würde ich das doch nicht wagen. Aber Elenas Angebot hilft mir wirklich, ich meine, allein die Tatsache, dass sie so viel Anteil nimmt ..."

Björn: "Und so moralisch gestärkt kannst du dann auch selber tippen!"

 

Elena hatte die Hände voll. Sie stellte die Kaffekanne auf den Boden des Hausflurs, zog die Haustür auf, stellte einen Fuß dagegen. Sibille telefonierte oben noch mit ihrer Mutter. Elena nahm die Kanne wieder auf, in der anderen Hand trug sie einen großen Teller mit Baklava, die in dem goldgelbem Sirup lagen, der aus ihnen herausgesickert war. Sie überquerte die Straße, betrat die Wiese, steuerte auf ihre Geburtstagsgesellschaft und Hans' Haarkopf zu, der dringend zum Friseur musste. Alles war gut, die Sonne schien, Elena liebte Hans und sein gelbes Päckchen, aus dem sie oben in der Küche einen handgetöpferten Becher gewickelt hatte, eingeritzt lauter Zweien, so dass man sie rund um den Becher immer wieder als die Zahl 22 lesen konnte, sie dachte: unfassbar, so alt und reif. Sie sah Markal gestikulieren, hörte Björn lachen, ging auf Hans' Rücken zu, er trug dieses komische, gelbe Hemd, Markal rief, beinahe schrill: "Nein!- Oktopismus und Utopismus sind absolut entgegengesetzt!" Markal Dunois, Mann der Gegensätze. Leidenschaftlich und - Messer des Verstandes, wenn er einen Gedanken zerlegte. Sie wartete, ob sie sein Lächeln finge, die grünblauen Augen, die dunklen Locken, die auch reichlich lang waren, aber nicht so abstanden wie bei Hans. Ah, da war's! - Sein charme français.

 

Elena stand am Fenster ihres Zimmers, blickte aus dem vierten Stock hinab in den Park, auf den Fleck im Gras, wo sie vor drei Tagen ihren Geburtstag gefeiert hatte. Hinter ihr waren Stimmen: Hans und Markal, die auf dem Fußboden, auf dem Flokati an der Griechenlandkarte saßen und diskutierten: über Athina, Athen. Über die Göttin Athina, den Olymp. Über Olympia, Sparta, Korinth, Alexander und den Bund von Korinth. "Nein", sagte Markal, "das war 334 vor Christus!" Elena drehte sich um. Links an der Wand auf dem gestreiften Sofa saß Sibille und nippte an einem Glas. Elena nahm ihr eigenes vom Tisch neben dem Fenster. Markal sah sie, hob seines: "Auf Griechenland!" Hans: "Ellada!" Sie tranken.

Elena setzte sich zu Sibille und legte einen Arm um sie. Hans sagte: "Wir sollten in Korfu anlegen." - "Kerkira!", korrigierte Markal, Hans sah auf die Karte, da stand tatsächlich: Kerkira (Korfu).

Sibille, zu Markal: "Hast du das gerade gelesen?"

Markal: "Nein, ich habe Thukidides gelesen."

Elena: "Du liest Thukidides?!"

Sibille: "Wer ist Thukidides?"

Elena: "So ein alter Schmöker, den wir in der Schule lesen mussten."

Markal (empört): "Das ist kein alter Schmöker, sondern der Begründer der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung!"

Hans: "Ich glaube, das war Herodot."

Markal: "Was?"

Hans: "Der Begründer der Geschichtsschreibung."

Markal: "Herodot ist ein Märchenerzähler! - Thukidides dagegen ..."

Sibille: "Und was hat der über Korfu geschrieben?"

 

Eine Stunde später, Hans hatte sich gerade verabschiedet um zu seiner Aktionsgruppe zu gehen. Markal fragte: "Wie oft geht er da hin?"

Elena: "Ich glaube, sie haben etwas in Planung."

Markal: "Und was?"

Elena: "Eine Aktion."

Markal: "Eine gelbe Aktion?"

Elena: "Ich weiß nicht, kann sein."

Markal: "Elena, was diese Gruppe angeht, stellst du dich genauso mysteriös wie Hans."

Elena: "Ich stelle mich doch nicht irgendwie! Er erzählt mir auch nichts."

Markal: "Was ist das denn nun eigentlich, ein Kunstprojekt?"

Sibille: "Von mir aus könnte er da noch öfter hingehen."

Markal: "Wieso?"

Sibille: "Dann würde er nicht dauernd hier rumhängen. Er ist immer hier, wenn ich mit Elena reden will."

Elena: "So oft ist Hans doch gar nicht da."

Sibille: "Nachher kommt er ja auch wieder."

Hans hatte zum Abschied bis später gesagt.

Markal: "Was haltet ihr denn von unserem Griechenland-Programm?"

Elena: "Ja, nicht schlecht."

Aber Sibille sah unglücklich aus.

Markal: "Bist du nicht zufrieden?"

Sie öffnete den Mund, kein Wort kam raus, Elena fasste ihre Hand, da fand Sibille ihre Stimme wieder: "Ich meine nur: Korfu, Olympia, Delphi, Mykene, Sparta. Dann sind wir überhaupt noch nicht in der Ägäis gewesen und Athen wollen wir ja auch noch ansehen -"

Markal: "Und?"

Elena: "Wenn es Sibille zu viel ist ..."

Sibille: "Ich würde mich zum Beispiel auch gerne einfach mal eine Woche an den Strand legen."

Elena: "Ja."

Markal: "Ja, gut. - Es gibt aber schon ein paar Sachen, die ich wirklich sehen will, zum Beispiel Mykene und das Athener archäologische Museum."

Elena: "Na ja, ein paar Sachen möchte ich auch sehen -"

Markal: "Du bist aus Athen, aber warst nie im archäologischen Museum?"

Elena: "Wir haben in Astegi gewohnt und die Sehenswürdigkeiten waren für die Touristen. Und ohne Aufsicht hätte ich da sowieso nie hin gedurft."

Sibille: "Astegi, ist das ein Vorort?"

Elena: "Ja."

Markal: "Warst du in den letzten sieben Jahren denn gar nicht mehr in Griechenland?"

Elena: "Doch, aber ich war dann immer bei Verwandten."

Markal: "Die immer noch so gut auf dich aufgepasst haben?"

Elena sah auf ihre Hände.

Sibille: "Ich würde ja auch gerne ein bisschen was ansehen, nur ..."

Markal: "Du möchtest nicht, dass es in Stress ausartet."

Sibille: "Ja."

Elena: "Vielleicht wenn Hans und Markal mal zwei Wochen zusammen Sightseeing machen, während wir uns schön an den Strand legen?"

Sibille lächelte: "Ja."

Markal: "Na ja, im Prinzip gerne, wenn es Hans recht ist."

Elena: "Schön."

Markal: "Aber wie gesagt, ich habe insgesamt nur vier Wochen Zeit, wegen meiner Doktorprüfung, für die muss ich dann noch lernen."

Elena: "Oder eine Woche Strand .." Etwas ängstlich blickte sie zwischen Sibille und Markal hin und her. Doch beide nickten jetzt und sahen zufrieden aus.

 

Sibille und Markal gingen zusammen die Treppe runter, draußen vor dem Haus fragte er: "Und du willst nicht drei Monate in Griechenland bleiben wie Hans und Elena?"

"Nein."

"Das heißt, dann fahren wir Ende August auch zusammen zurück?"

"Ja."

"Gut."

Sie hielt ihre Hand hin, er nahm sie. Sibille sagte: "Du wirst schon dafür sorgen, dass alles gut geht."

"Ich?"

"Ich habe das Gefühl, dass man sich auf dich verlassen kann."

"Danke!"

Sibille sagte im Gehen "Tschüss", er rief ihr nach: "Tschüss, bis Sonntag!" Sie ging die Parkstraße entlang.

Er schloss sein Fahrrad auf und dachte: Unglaublich, ich habe eine Familie gefunden.

 

Sonntag um zehn, schon wieder ging er auf Elenas Haustür zu. Die ließ sich wie immer aufdrücken, das Schnappschloss war kaputt. Durch die Fenster über den Holzbriefkästen fiel Sonne auf abgenutzte Jugendstilfliesen. Vier Stockwerke Altbau, acht hohe Stiegen. Er rannte sie rauf, schon stand er im Dachgeschoss vor einer hohen, alten, abblätternden Tür. Er grinste und klingelte - schon wieder! - bei Morphou/Lehmann. Nichts tat sich, die Mundwinkel sanken. Aber er klingelte wieder. Denn er konnte sich nicht geirrt haben! 'Bis Sonntag um zehn', sagte in seinem Kopf Elenas Stimme. Im Bauch das alte Schwächegefühl. War denn nicht Sonntag? War ein anderer Sonntag gemeint?

Er hörte ein Geräusch in der Wohnung.

Die Tür ging auf, Elena im Bademantel. Im schwarzen V aus Frottee saß ein Keil Haut. Einen Sekundenbruchteil lang starrte er ihr verwirrt auf den Ausschnitt, der zwischen zwei Wölbungen hinab auf rot lackierte Fußnägel zeigte. Elenas Gesicht war von Schlaf gedunsen und bestätigte die Befürchtung, dass er einen furchtbaren Fehler gemacht hatte. Er murmelte: "Entschuldige bitte, ich dachte .."

"Was dachtest du?"

"Dass wir verabredet sind."

"Wie spät ist es denn?"

"Zehn Uhr."

Sie lächelte: "Schon?"

"Ja."

Sie trat zurück um ihn einzulassen. "Wartest du bitte in der Küche?" Sie ging in ihr Zimmer. Bevor sie die Tür zumachte, hörte er Hans schläfrige Stimme, wer das denn sei oder so ähnlich. Elena sagte: "Das ist Markal!" Durch die geschlossene Tür hörte er nur noch ihre Tonlage. Es klang vorwurfsvoll.

Minuten später holte Elena Milch, Quark, Käse aus dem Kühlschrank; Becher, Teller, Besteck vom Regal; Eier, Eierbecher, Brot, Butter, Honig, Zuckermelone und ein Glas dunkelrote Marmelade mit handgeschriebenem Schild "Reinlich 26". Schon setzte sie Kaffee, Eier, Toaster in Gang um sich dann, in plötzlicher Ruhe, auf dem Gasherd in einem Metalltöpfchen am Stil griechischen Kaffee zu kochen. Den Begriff 'griechischer Kaffee' hatte Markal schon vor längerem nachgeschlagen, doch zunächst nur einen Verweispfeil auf 'türkischer Kaffee' gefunden. Nachdem er dann anschließend Elena die naseweise Frage gestellt hatte, ob griechischer und türkischer Kaffee nicht ein- und dasselbe seien, wusste er nun, dass er solch "deutsche Bücherweisheit" über griechische Nationalheiligtümer besser für sich behielt. Stattdessen fragte er: "Muss der Topf eigentlich aus Eisen sein?"

"Du meinst, der Briki?"

"'Wenn das Ding so heißt", meinte er schnoddrig, und bereute es schon.

"Das ist Edelstahl."

"Also Stahl, ich meine .."

"Also, du brauchst nicht zu denken, dass nur deshalb, weil ich Eisenforschung studiere, alles, was ich benutze aus Eisen sein muss, die Leute glauben auch immer, dass ich irgendwelche riesigen Eisenplatten schleppe, dabei ist die Wahrheit, dass ich wochenlang im Labor stehe um eine infinitesimale Menge Eisen aus irgendwelchen organischen Proben zu extrahieren!"

"Ja, ich weiß doch. - Ich überlege bloß immer noch, was es sein könnte, das den griechischen Kaffee so besonders macht und ich habe mich gefragt, ob vielleicht Eisen aus dem Topf in den Kaffee übertreten und dort eine besondere physiologische Wirkung entfalten könnte."

"Das will ich nicht ausschließen." Sie verzog keine Miene. "Aber es gibt auch Briki aus Keramik und da kommt garantiert kein Eisen raus! - Willst du auch einen griechischen Kaffee?"

Er beobachtete sie beim Ausgießen der dichten, braunen Brühe, der Kaffeeduft und Elenas Nähe vermischten sich betäubend. Sie setzte sich, er bekam plötzlich ein schlechtes Gewissen und sagte: "Ich hätte dir eigentlich helfen sollen."

"Beim Kaffee kochen?"

"Bein Frühstück machen."

"Glaubst du, dass es dann schneller gegangen wäre?"

Er grinste: "Mit Sicherheit nicht."

"Du bist doch eingeladen!"

Sie tranken Kaffee. Er griff nach einer Brotscheibe, merkte plötzlich, dass nur zwei Teller auf dem Tisch standen und fragte: "Was ist mit Hans?"

"Hans schläft noch."

"Und Sibille?"

"Sibille hat ihre Tage, sie bleibt lieber im Bett und lässt sich von Wilhelm verwöhnen."

"Oh - Schade. - Und dein Mitbewohner? "

"Sven ist zu seiner Freundin gefahren."

"Ich glaube, ich habe ihn überhaupt erst zweimal gesehen."

"Er fährt immer am Wochenende nach Hause, nächstes Wochenende ist er aber da." Sie runzelte die Stirn: "Stört dich, dass wir nur zu zweit sind?"

"Nein. - Überhaupt nicht." Er lächelte.

Dann wurde gekaut. Was nicht hinderte, dass in Begleitung von "Könntest du mir das Salz reichen?" und "Was ist das für Marmelade?" auch ihre Augen sich gelegentlich trafen. Sie waren gerade mit zwei Scheiben Zuckermelone beschäftigt, als Hans schließlich erschien, Markal grüßte: "Guten Morgen Herr Reinlich, die Marmelade von deinen Eltern ist ausgezeichnet!"

"Morgen .. ", zufrieden gähnend stand Hans neben der Tür. Dann holte er sich Teller und Tasse, setzte sich neben Elena auf die Küchenbank, rutschte an sie heran, sah sie von der Seite erwartungsvoll an, kratzte an ihrer Schulter, stieß, als sie nicht reagierte, eine Art Jaulen aus. Darauf drehte sie den Kopf. Küsste ihn, während er "Mmmmmm ..", machte.

Er griff nach einem der aufgebackenen Brötchen.

Elena: "Du hast ganz schön lange gebraucht."

Hans: "Ich bin halt nochmal eingeschlafen."

Sie sah kritisch aus, unzufrieden.

Markal: "Das ist doch nicht so schlimm."

Elena: "Ich weiß nicht, ich finde, Hans könnte ruhig mal früher aufstehen, wenn wir Besuch haben."

Hans: "Ja .. "

Elena: "Wäschst du nachher deine Wäsche hier?"

Hans, kauend, zustimmend: "Hm .."

Elena: "Es ist nur, Sven hat sich letztes Mal beschwert, weil deine Wäsche noch drin war."

Hans (weinerlich): "Es tut mir leid, ich habe es halt vergessen. Ich musste das Proseminar vorbereiten."

Er packte Käse, Leberwurst, Erdnussbutter auf seine zweite Brötchenhälfte.

Elena: "Ich finde, du vergisst ziemlich viel."

Markal: "Du bereitest einen Vortrag vor?"

Hans: "Ja."

Markal: "Und zu welchem Thema?"

Hans: "Prozesse dimensionalen Wachstums mollusker Räume."

Markal: "Aber das ist ja Oktopismus, ich dachte du studierst Mathematik."

Hans: "Das ist ein Vortrag im Proseminar angewandte Mathematik."

Markal: "Also, wenn du willst, kann ich dir helfen, das ist ja mein Fach."

Elena: "Ich habe ihm auch schon gesagt, warum fragst du nicht Markal."

Hans (zu Markal): "Ja, vielleicht frage ich dich wirklich mal was: Was ist eine Gebrauchsbeziehung?"

Markal: "Eine Relation zwischen Objekten, die dem Gebrauch dient."

Hans: "Ja, aber ich glaube, meine Frage ging mehr auf die Bedeutung von Gebrauch in diesem Zusammenhang."

Markal: "Okay. Ein Objekt im Sinne des Oktopismus ist nicht bloß ein strukturloses Ding wie eine Zahl oder ein Mengenelement. Objekte haben einen Lebenszweck. Und das ist der Gebrauchswunsch."

Hans: "Aber diese ganzen Begriffe sind nicht exakt: Lebenszweck, Gebrauchswunsch -"

Markal: "Lass dich nicht von den Begriffen verwirren. Die können einem vorspiegeln, dass Objekte Menschen seien oder am Ende sogar, dass es im Oktopismus um das Leben der Kraken geht. Aber wenn du nachschlägst, wirst du finden, dass auch diese scheinbar schwammigen, menschlichen Begriffe im Rahmen der oktopistischen Wissenschaft exakt definiert sind."

Hans: "Aha."

Markal: " Du kannst ja zum Beispiel auch vom Wert der Variablen x reden, während du unerwünschte Nebenbedeutungen des Begriffs Wert völlig ausblendest. Mein Professor sagt immer: Das ist nur Terminologie, die hat rein historische Gründe."

Elena: "Was sind eigentlich Molluske Räume? - Ich würde das gerne mal wissen, nachdem Hans jetzt schon die ganze Zeit von diesem Zeug geträumt hat."

"Molluske Träume ..", murmelte Markal über sein eigenes Wortspiel grinsend, während Hans etwas aufgebracht erklärte: "Das hatte ich doch gesagt: Konnektive Objektmengen mit temporaler Variablilität."

Elena stöhnte.

Markal, beschwichtigend: "Hans zitiert die Definition. - Aber ein mollusker Raum ist im Prinzip nichts anderes als die Verallgemeinerung eines oktopoiden Raums."

Elena, sarkastisch: "Großartig!"

Markal: "Warte, ich versuch's", er blickte nach oben, als suche er Inspiration, "molluske Räume sind letztlich bloß Mengen von Elementen, die man Objekte nennt. Diese Objekte unterscheiden sich aber von Zahlen oder anderen simplen Mengenelementen darin, dass sie die Fähigkeit besitzen mit anderen Objekten Verbindungen zu knüpfen. Darüber tauschen sie dann Botschaften, das heißt, sie agieren und reagieren aufeinander. Die Objektmengen haben damit ein Eigenleben und verändern sich mit der Zeit. Wirklich interessant wird es dann im Spezialfall der oktopoiden Räume, wo Objekte sogar verschwinden können, was sie allerdings nicht wollen. Das heißt, sie verhalten sich, als ob sie es nicht wollen. Aber man spricht tatsächlich von der Nichtsangst der Objekte, die sie gerade wieder dazu treibt Verbindungen zu knüpfen, weil eine Bedingung oktopoider Räume auch ist, dass vernetzte Objekte länger existieren. Man kann also sagen, dass die Objekte sich gegenseitig brauchen. Oktopisten reden hier allerdings von gebrauchen, weil die wechselseitige Abhängigkeit einzig und allein auf den sozusagen egoistischen Einzelinteressen der Objekte beruht. In Modellsimulationen kann man sogar beobachten, dass regelmäßig einzelne Objekte ganze Gruppen ihrer Nachbarn so zu gebrauchen scheinen, dass diese einzelnen größere Überlebensvorteile haben als die anderen. Das heißt, obwohl definitionsgemäß alle Objekte gleich sein müssten, sind, faszinierenderweise, einige von ihnen gleicher."

Er strahlte.

Elena, zugleich spöttisch und bewundernd: "Faszinierend."

Markal: "Also, das war zur Gebrauchsbeziehung. Die klassische Definition des Oktopismus lautet: Oktopismus ist die mathematische Wissenschaft von den Gebrauchsbeziehungen zwischen Objekten."

Elena: "Und worum geht es eigentlich in deiner Doktorarbeit?"

"In meiner Doktorarbeit geht es um das sogenannte Dreikörperproblem des Oktopismus. Ein zentrales Problem der Objekttheorie ist, dass selbst kleine und einfache Objektmengen sich kompliziert verhalten und sogar unvorhersagbar werden können. Ich habe versucht Bedingungen dafür zu erarbeiten, wann ein System von drei Objekten anfängt sich so chaotisch zu verhalten und welche Faktoren das dämpfen können."

Hans: "Warum gerade drei?"

Markal: "Der wichtigste dämpfende Faktor ist der sogenannte oktopistische Äther, der die Summe der Wirkungen der Einzelobjekte darstellt. Und wenn man kleine Objektmengen betrachtet, ist der Fall Eins trivial. Mit Zwei hat mein Professor Touskop den größten Teil seines Arbeitslebens verbracht hat. Und Drei ist nun meine Aufgabe geworden."

Elena: "Und hast du das Problem gelöst?"

Markal: "Welches Problem?"

"Das Dreikörperproblem."

"Nein. - Nur Spezialfälle sind lösbar, in seiner allgemeinen Form ist es prinzipiell unlösbar, das hat schon Kotpuso bewiesen. Nicht mal die oktopistische Paarbeziehung ist generell lösbar, Touskop hat es jedenfalls nicht geschafft. Der Unterschied ist, dass hier nicht mal die Unlösbarkeit bewiesen ist, weshalb manche auch scherzen, dass die Paarbeziehung von allen die dunkelste ist."

Hans lachte: "Das brauchst du mir nicht zu sagen!"

Elena, zu Hans: "Willst du dich beschweren?"

"Nö", ein Kuss folgte und noch einer, wobei Hans Katzengeräusche machte. Markal blickte solange aus dem Fenster und genoss die Sonne, in der er saß. Er schloss die Augen, döste. Bis er Elenas erhobene Stimme hörte: "Wie soll ich denn am Freitag für diese Fete einkaufen wenn ich bis 19 Uhr im Labor stehe, warum könnt ihr Männer das nicht zusammen machen?"

Ihr Männer - Ja, ja, wollte Markal beschwichtigen, natürlich können wir Männer dir das abnehmen, du Liebe!, aber Elena fuhr fort: "Du und Sven, er hat doch ein Auto!"

Fete nächsten Freitag und Teilnehmer waren: Hans, Elena, Sibille, Wilhelm, Sven, sein Kumpel, seine Freundin aus Frankfurt ..

Aber Markal anscheinend nicht.

 

Auf dem Heimweg und Abends und Montag bis Mittwoch, als er noch einen Anruf erhoffte, sagte er sich vernünftigerweise, dass es kein Recht auf Einladungen gab. Am Donnerstag blieb keine andere Erklärung mehr übrig als die, dass sie seine Einladung für selbstverständlich gehalten und deswegen nicht ausgesprochen hatten. Freitag Abend bis zehn erwartete er noch jeden Moment ein Telefonklingeln und Elenas Stimme: 'Wo bist du denn? Wir warten auf dich!' - Um fünf nach zehn setzte er sich an seinen Schreibtisch und griff nach der ersten in einer Reihe grüner Flaschen, die er vorsorglich dort aufgestellt hatte. Am Samstag kaufte er mehr Flaschen. Sonntag und Montag wartete er auf Elenas Anruf: 'Wo warst du denn? Wir haben auf dich gewartet!' - Worte, die ihm Tränen in die Augen trieben. Am Dienstag betrachtete er all das Altglas und die Flaschenränder auf seiner Doktorarbeit. Abends öffnete er die Tür zum Gang, erste Etage des Studentenwohnheims Waldstraße. Gegenüber hing ein schwarzes Münztelefon.

 

Elena ging auf eine gläserne Doppeltür zu. Sein mysteriöser Anruf war zwei Tage her, sie war verdammt neugierig, worum es ging. Ein Blick auf die Uhr zeigte 19 Uhr 08, für ihre Verhältnisse war das mehr als pünktlich, anscheinend wurde sie immer deutscher.

"Hallo Elena."

"Hallo, bin ich pünktlich?"

"Fast."

"Nur fast?!"

"Naja .."

Sie sah sich um: Bett, Schrank, ein kahler Schreibtisch. Ein Flokati auf dem Fußboden war das einzige, das unter Umständen als Ornament gelten konnte, sie sagte: "Du hast einen Flokati!"

"Ja .. ", er hockte sich auf die Bettkante.

Sie zog ihre Turnschuhe aus, setzte sich auf den Teppich und  sah ihn erwartungsvoll an.

"Jetzt möchtest du wissen, warum ich dich herbestellt habe .."

"Allerdings."

"Es ist mir ein bisschen peinlich .."

"Dir braucht überhaupt nichts peinlich zu sein."

"Okay .."

Er machte es wirklich spannend.

".. ich will erst einmal sagen, dass die Freundschaft mit dir und Hans sich über die vergangenen zwei Jahre zu etwas entwickelt hat, das mir sehr wichtig geworden ist, ein bisschen, als ob ich die Familie gefunden hätte, die ich nie hatte .."

Elena nickte ermutigend.

".. und jedenfalls, als ihr dann an dem vorletzten Sonntag über diese Fete gesprochen habt, war ich so ichbezogen zu denken, dass ich auch eingeladen werden müsste und war mit dem - Riesenproblem konfrontiert, mich nicht selbst einladen zu können", er lächelte selbstironisch, "und dann habe ich die ganze Woche noch gehofft vielleicht doch noch eine Einladung zu bekommen, ich weiß, dass ich mich damit lächerlich mache .."

Elena schüttelte den Kopf.

Er: "Doch .."

"Nein, ich habe mir auch schon überlegt, was du denkst."

Sie spielte mit einer Flokati-Franse.

"Aber es war eigentlich Svens Fete. Es war seine Idee, weil seine Freundin an dem Wochenende zu Besuch war und er wollte, dass von meinen Freunden nur die eingeladen werden, die er kennt und Sibille hat er schon getroffen und Wilhelm konnte auch nur kommen, weil ich gefragt habe, ob ihr Freund dann auch kommen darf."

"Dann habe ich also den Idioten gespielt."

"Nein, hast du nicht, ich hätte es dir ja auch sagen können, ich wusste bloß nicht .."

"Na ja, Tatsache ist aber, dass ich keine Minute darüber nachgedacht habe, ob es auch andere Erklärungen geben könnte, als die, dass ich ausgeschlossen werde, weil ihr alle mich nicht für wert haltet eingeschlossen zu werden, ich meine, natürlich wäre es schön gewesen, wenn du es mir früher erklärt hättest, aber .."

Elena blickte ihm unausgesetzt in die Augen, sein rechtes Bein hing vom Bett runter und streckte sich ihr entgegen. Der Fuß lag auf dem Teppich, so nahe, dass sie nur die Hand ausstrecken brauchte.

Er: "Ich habe halt leider diesen Komplex, dass die Welt mich ignoriert, weil ich so wenig liebenswert bin, damit finde ich mich gewöhnlich auch ab, aber wenn sie mich unerwartet dann doch anzulächeln scheint ..."

"Die Welt?"

"Ja."

Elena lächelte: "Ich weiß nicht, ob die Welt dich anlächelt, aber ich kann es ja mal versuchen."

Er: "Jedenfalls - "

Sie  legte ihre Hand auf seinen Fuß.

 

Markal stand im Keller des Studentenwohnheims vor einer Münz-Waschmaschine mit dicker, runder Glastür. Es war morgens, die Zeit, um die er sich sonst eigentlich an die Revision seiner Formeln setzte, stattdessen steckte er ein Bettlaken mit riesigem Blutfleck in die Trommel, Elena hatte gesagt: 'Das wäschst du besser gleich'. Er dachte an gestern Abend: die Hand auf seinem Fuß, die Leere in seinem Kopf, die braunen Augen, die näher kamen: ihr Gesicht. So nah, riesig und nah, Frauenduft. Staunen, Unglauben. Küssen. Unfassbar: eine Brust klatschte in sein Gesicht und Elena sagte: 'Willst du mit mir schlafen?' Dann hatten sie Sherry getrunken und Elena sagte: 'Meine Knie sind weich'. Er: 'Meine auch'.

Er ging die Kellertreppe hinauf. Der schwarze Steinboden im Erdgeschoss spiegelte. Durch die breite, doppelflüglige Glastür trat er hinaus. Er holte Luft, so mühelos, hatte er je vorher geatmet? Er stand auf der Freitreppe vor dem Studentenwohnheim. Von hier aus konnte er ganz Georgstadt überblicken: Im Süden das Colornet-Viertel mit der ehemaligen Kugellagerfabrik, die man für die Eisenforscher umgebaut hatte, rechts davon die Altstadt im grünen Ring des alten Walls: das Rathaus, das Zeughaus, wo die Mathematiker saßen. Und nördlich des Wilhelmstors der neue Campus mit Mensa, Philosophengebäude und dem kolbenförmigen Oktopistenturm. Über die Stadt hinweg blickte er nun nach Westen, wo jenseits der Autobahn und der zierlichen Wolkenbänke irgendwo das Land - das Land der Freiheit lag.

Ein Wunder war geschehen! Er schwor sich in diesem schönen, neuen Leben gut zu sein. 

 

Das Telefon klingelte, es stand vor Elenas Bett. Verschlafen griff sie danach.

"Hallo?"

"Guten Morgen meine Süße!"

Hans.

Elena sagte: "Guten Morgen! - Rate mal, wer hier ist."

"Hast du jetzt schon Besuch?"

"Ja. - Über Nacht!"

"Was?"

"Ja."

"Schon wieder Markal?"

Markal. Sie spürte ihn hinter sich, seine Hand lag auf ihrer Hüfte, es fühlte sich gut an. Zu Hans sagte sie: "Ja, schon wieder."

"Und wie kam das?"

"Wir haben uns gestern Abend im Tintenkeller getroffen und dann ist Markal mitgekommen."

"So, na -"

"Was ist?"

"Wird das jetzt öfter vorkommen?"

"Hast du was dagegen?"

Sie hörte von Hans ein zögerndes "Nö" und zugleich  im anderen Ohr: "Ich würde auch gerne mit Hans sprechen".

Sie gab die Information und schließlich auch das Telefon weiter, stützte ihren Kopf in die linke Hand. Markal, Haare über den Augen, grüßte: "Hallo Hans", sie verfolgte seine sinnlichen Lippen, er sagte: "Guten Morgen!" und: "Ja, ich liege hier, das kann ich nicht abstreiten."

Sie merkte, wie sie unzufrieden wurde, flüsterte: "Kannst du laut stellen?" Er versuchte es, doch wollte das Telefon nicht vom Ohr nehmen und war mit der Aufgabe überfordert. Sie fasste vor seinen Mund auf das Tastenfeld, fand mit dem Daumen den Lautsprecher-Knopf, dann hörte sie Hans' Stimme:

"Markal?

"Ja, ich bin noch da. - Hör mal, ich wollte sagen: Ich hoffe, du bist mir nicht böse."

"Nein, ich bin dir doch nicht böse! - Hat Elena das nicht gesagt?"

"Ich wollte es von dir hören"

"Jetzt hörst du es von mir"

"Ich möchte dir auch sagen, dass ich auf keinen Fall zwischen euch treten will. "

Hans schmunzelte: "Nein, das hatt' ich auch nicht angenommen."

"Gut."

"Ich war aber schon überrascht."

"Ich auch, ich bin immer noch überrascht."

"Wieso, hattest du  nie in der Art an Elena gedacht?"

"Doch, ehrlich gesagt schon. Aber ich hätte in meinen kühnsten Träumen nicht angenommen, dass äh ... "

"Sowas passiert."

Markal sah sie an, während er sagte: "Ja, wie man sieht."

"Ich war aber schon überrascht, auch weil ich dachte, dass mir das zuerst passieren würde."

"Dass dir was zuerst passieren würde?"

Hans lachte ein bisschen: "Dass ich mit einer anderen schlafe."

"Und jetzt ist Elena dir zuvorgekommen."

"Ja."

Markal grinste: "Sowas passiert."

Hans lachte: "Ja, wie man sieht."

"Hör mal, Hans, könnten wir uns treffen?"

"Du und ich?"

"Ja."

"Natürlich."

Sie einigten sich auf Samstag.

Als Elena das Telefon wieder hatte, sagte sie: "Ihr wollt euch also ohne mich treffen!"

"Ja, warum nicht mal?"

Sie verabschiedete sich von Hans, dann fragte sie Markal: "Und warum wollt ihr euch jetzt ohne mich treffen?"

"Weil ich gerne mit Hans reden würde."

"Und warum kannst du das nicht tun, wenn ich dabei bin?"

"Weil es dann kein persönliches Gespräch, sondern eine Unterhaltung zu dritt wäre."

Sie schaute auf ihren Busen und sah das Muttermal, das sie störte.

Markal: "Warum irritiert dich das denn so?"

"Ich würde bloß gerne wissen, was ich nicht wissen soll."

"Es gibt nichts, das du nicht wissen sollst!"

"Dann kann ich aber auch dabei sein."

"Elena, es geht nicht darum, dass du irgendwas nicht wissen sollst, sondern um die Wirkung, die du auf uns hast."

"Die Wirkung, die ich auf euch habe?"

"Ja."

"Und was ist das für eine Wirkung?!"

"Die Wirkung, die jede anwesende Person auf die anderen anwesenden Personen hat. Solange ich allein bin, bin ich frei alles vor mich hin zu reden, was mir durch den Kopf geht. Sobald ich nur einen einzigen Gesprächspartner habe, bin ich nicht mehr frei das einfach alles zu sagen, sondern ich muss an die Wirkung auf mein Gegenüber denken, wenn ich zum Beispiel gerade denke: Ich möchte dich erwürgen, sollte ich das in den meisten Fällen wohl besser nicht laut sagen. Und wenn ich zwei Gegenüber habe, muss ich meine Rede noch stärker einschränken, so dass sie nur noch eine Schnittmenge dessen darstellt, was ich zu jedem einzeln sagen könnte, und wenn ich vor einem Publikum sprechen würde ..."

"Bekämst du überhaupt kein Wort mehr raus."

Seine rechte Augenbraue zuckte: "Wahrscheinlich."

"Und warum willst du mich erwürgen?"

"Nein! - Das war doch nur ein Beispiel!"

"Jedenfalls willst du zu Hans Sachen sagen, die ich nicht wissen soll."

"Nein, ich sage doch: es gibt nichts, das du nicht wissen sollst."

"Dann kann ich aber auch dabei sein."

"Aber wenn du dabei bist, fühle ich mich gehemmt, unmittelbar in der Situation alles zu sagen, was ich persönlich zu Hans sagen will."

"Aber jetzt am Telefon warst du auch nicht gehemmt."

"Woher weißt du das?"

Woher -

Markal: "Du kannst hinterher alles wissen!"

"Hinterher."

"Ja."

"Hm."

"Elena! - Ich will mich nicht mit dir streiten, ich bin viel zu glücklich um mich mit dir zu streiten."

"Du bist glücklich?"

"Ja."

"Und warum?"

"Wegen - Dir! Wegen dem, was jetzt zwischen uns passiert. Das ist für mich wie ein Wunder! Und Donnerstag, ich weiß, das klingt kitschig, aber das war - ein Wunder."

Augen weit offen wie ein kleiner Junge.

Elena sagte: "Das klingt ja, als seist du richtig in mich verliebt."

 

"Natürlich bin ich in dich verliebt! - Und du bist doch auch in mich verliebt!"

Was sollte sie sagen?

"Ich bin aber Hans' Freundin." Das schien nicht ausreichend. "Ich meine, ich liebe aber eigentlich Hans."

 

Markal stand in seinem Wohnheimzimmer am Fenster, es war schon zehn nach fünf. Er blickte auf Georgstadt, es goss. Er dachte an Freitag vor einer Woche: als er draußen vor der Tür stehend die Stadt und das Land als wunderbare neue Welt gesehen hatte. Jetzt fragte er sich, ob Hans auch einer derjenigen war, die einen warten ließen. Doch das Wunder war geschehen. Und er wollte Hans - wenn er endlich käme - mit dankbarem, strahlendem, zukunftsträchtigen Lächeln die Tür öffnen und sagen: 'Wie schön!' Er öffnete das Fenster, stand im offenen Rahmen, Tropfen sprühten in sein Gesicht. Er lauschte dem Rauschen und hörte: 'Ich bin aber Hans' Freundin. - Ich meine, ich liebe aber eigentlich Hans.' Seit drei Tagen klang ihm das in den Ohren. Bis er schließlich den gesamten Ausspruch als ein Paradebeispiel für Kotpusos Gesetz der emotionalen Ladung erkannte: Hans' Freundin war eine soziale Rolle, die mit einer Verpflichtung zur Liebe aufgeladen war. Solche Ladungen verwirrten die Objekte typischerweise, indem sie ihnen vorspiegelten, ein der Rollenvorschrift entsprechendes Gefühl, Liebe etwa, sei wirklich vorhanden. Bisher hatte er in diesem Zusammenhang immer an die fiktive Mutterliebe gedacht. Doch nun erkannte er in der dargestellten Kausalbeziehung - dass sie Hans deshalb liebe, weil sie Hans' Freundin sei - den gleichen Sachverhalt. Womit keineswegs bewiesen war, dass sie Hans nicht liebte. Dennoch ...

Da sah er, rot und blau, zwei Radfahrer im Regen, Elena und Hans unter Kapuzen. Sie radelten die Waldstraße herauf. Wütend schloss er das Fenster. War das Konzept eines vertraulichen Gesprächs zwischen Männern wirklich so schwer zu begreifen?! 

Dann kamen sie, er verbarg seinen Ärger und Elena sagte: "Ich gehe zum Spanischkurs und komme um sieben wieder, bis dann könnt ihr in Ruhe über meinen Hintern philosophieren." Sie ging, ihre Schritte verhallten. Bei der Tür standen Hans' Gesundheitssandalen, am Haken hing sein tropfendes Regencape. Darunter trug er ein kurzärmliges Hemd, olivgrün, mit Schlaufen auf den Schultern, dazu süddeutsche Kniehosen, doch ohne die dazugehörigen Strümpfe. Er lag auf dem Rücken, auf Markals Bett, Kopf auf dem Kopfkissen und lächelte herüber.

Markal saß auf einem Drehstuhl, Rücken zum Schreibtisch, er sagte: "Nun sitzen wir also hier."

"Ist doch schön."

"Also - ich wollte mit dir über die Ereignisse und ihre Konsequenzen reden."

Hans stützte den Kopf auf: "Ich finde das auch gut."

"Damit ich weiß, was du denkst und -"

"Du brauchst dir aber keine Sorgen zu machen, was ich denke."

"Das heißt, du bist wirklich nicht eifersüchtig?"

"Nein."

"Das ist ja toll!"

Hans grinste.

Markal sagte: "Ich glaube, ich möchte vor allem Gleichberechtigung."

Hans' Lächeln wurde dünner.

Markal: "Ich meine -"

"Ja, was meinst du?"

"Ich meine: in unserer jeweiligen Beziehung zu Elena. Eine Gleichberechtigung zwischen dir und mir."

"Hm."

"Also, das meine ich."

"Und wie stellst du dir das vor?"

"Also, ich denke an drei, die das gleiche wollen, die auch keine Angst haben mit Konventionen zu brechen", er holte Luft, "vielleicht klingt das utopisch ..."

"Die das gleiche wollen", Hans kam auf dem Bett hoch, zog die Beine an, drehte sich, packte das Kopfkissen hinter sich an die Wand, "Was willst du denn?"

"Elena."

"Du willst Elena."

"Ich meine, ich liebe Elena."

"Die liebst Elena?"

"Ja."

"Das ist ja erstaunlich."

"Wieso ist das erstaunlich?"

"Ich meine, das ging aber sehr schnell."

"So schnell ging es eigentlich nicht. Ich war sehr lange in sie verliebt."

"Das hat Elena gar nicht erzählt."

"Ich hatte es für mich behalten, aber ich war schon seit über einem Jahr in sie verliebt."

"Und Elena weiß das nicht."

"Doch, ich habe es ihr jetzt gesagt."

"Wann?"

"Am Dienstag."

"Aha."

"Ja."

"Hm, und was stellst du dir unter Gleichberechtigung vor?"

"Also, wie gesagt - was ich mir aus unserem Gespräch erhoffen würde, ist sowas wie ein grundsätzliches Einvernehmen, dass wir prinzipiell beide die gleichen Rechte haben. Was Elena betrifft."

"Aber vielleicht müsste Elena da auch mitreden?"

"Ja natürlich. Ich meine ja nicht: Rechte auf Elena, auf die sie keinen Einfluss hätte. Ich meine - Privilegien - die Abwesenheit von Privilegien, die ich mir wünsche."

"Und  wenn Elena Privilegien vergeben möchte?"

"Wenn sie selbst, okay dann - aber das glaube ich nicht."

"Wie stellst du dir denn vor, dass andere reagieren?"

"Andere, du meinst .."

"Andere."

"Ich will nicht verlangen, dass Elena sich öffentlich zur Bigamie bekennen soll."

Hans nickte.

Markal: "Wenn ich Gleichberechtigung sage, rede ich vom Prinzip. Das würde aber erfordern, dass zumindest du und ich und sie dieses Prinzip anerkennen würden."

"Das klingt gut, ich habe nur das Gefühl, dass du etwas gleich machen willst, das nicht gleich ist."

"Was ist nicht gleich?"

"Die Beziehung zwischen Elena und mir berührt einfach tiefere Schichten als bei einer Verliebtheit."

"Einer Verliebtheit?!"

"Du hast doch gesagt, du bist in Elena verliebt."

"Ich habe gesagt, ich war lange in Elena verliebt, bevor geschehen ist, was letzten Donnerstag geschehen ist."

"Und jetzt?"

"Jetzt liebe ich sie!"

"Bist du sicher?"

"Ja, ich bin sicher! - Was vor einer Woche zwischen Elena und mir passiert ist, war so, dass man es mit Worten nicht fassen kann, so etwas ist mir noch nie passiert, ich meine .."

Hans verzog skeptisch den Mund.

Markal: " .. es war ein Wunder. Es kann nicht mehr geben!"

"Ich kann mir aber vorstellen, dass man sich leicht in so ein Gefühl hineinsteigern kann, wann man sexuell nicht sehr erfahren ist."

"Von wem redest du?"

"Von dir."

"Und was weißt du über meine sexuelle Erfahrung?"

"Nur, dass du über bestimmte Details nicht so gut Bescheid wusstest."

"Ich weiß nicht, worüber du redest."

"Zum Beispiel die Funktion der Klitoris."

"Das ist nicht wahr."

"Nach dem, was Elena erzählt hat .."

"Das ist nicht wahr!"

"So, aber .."

"Ich kann nicht ausschließen, dass Elena etwas, das ich gesagt habe, falsch verstanden hat. Aber es ist nicht wahr!"

Es war nicht klar, ob Hans ihn mitleidig oder furchtsam anblickte.

 

Dann stand Elena im Raum. Sie rief: "Hola muchachos!", und: "Was habt ihr über mich beschlossen?!"

Dann saß sie, geschrumpft, auf der Bettkante, am Fußende. Leise Stimmen hatten ihr das Problem erklärt.

Hans saß am Kopfende.

"Bevor Elena eine Entscheidung trifft, möchte ich etwas sagen."

Elena und Markal warteten.

"Ich weiß nicht, ob meine Gefühle für Elena sich nicht ändern würden, wenn sie sich für das entscheidet, was Markal will."

Hans und Markal warteten.

"Dann muss ich sagen, dass ich Hans' Freundin bin. Ich möchte nicht, dass sich zwischen Hans und mir etwas ändert. Es würde mir aber sehr leid tun Markal zu verlieren."

Hans war draußen auf der Toilette, Elena fragte: "Kann ich ein Glas Wasser haben?" Markal stand auf, ging und kam wieder. Sie nahm einen Schluck. Er setzte sich auf den Flokati. Elena kniete sich neben ihn, sie  fuhr ihm durch's Haar, küsste ihn. Hans kam zurück, Markal fühlte sich beobachtet und begann sich wegzubewegen.

Aber sie sagte: "Hier!" Und küsste, küsste ihn.

 

Hinter dem Studentenwohnheim ging es den Berg hinauf, der Hang war steinig, zwischen Dornbüschen wand sich ein Pfad. Markal rannte auf eine Kehre und einen bleichen Baum ohne Rinde zu, rot in der Abendsonne, rot wie Fleisch, tot in der Sonne. Darauf zu, davon weg, weiter rauf, der Waldkuppe, dem Wald, dem Rosenwald zu. Der so hieß - warum? Die Kuppe war eine schwarzgrüne Brust. Markal atmete, pumpte: rein, raus, er sprang über ein rundes Loch im Weg, sah Rosendornen vom Himmel fallen. Alles rund, alles spitz. Er stolperte über ein Schieferstück, der Weg war steinig, das Wetter herrlich, Fleischfetzen flogen durch rötliche Leere, Hans' Schwanz flog vorbei, der schwanzlose Hans ritt darauf, kreischte: 'Hihihi!', Lippen, Schamlippen im Gesicht, die höhnisch schrien: 'Da hast du deine Gleichberechtigung!'

Die Brust kam nahe, der Rosenwald zerfiel in einzelne Stempel. Zwischen sie rennend kam Markal an eine Lichtung, zog sich das T-Shirt über den Kopf, wischte Schweiß von der Brust, warf das Hemd auf grünes Moos, tastete mit einer feuchten Hand zufällig über seine Hose, fühlte die vorquellende, harte Form des Taschenmessers. Er zog es vor, klappte die große Klinge auf, rannte sie in die dicke Rinde einer dicken Eiche. Er hackte wilder, Borke flog. Hans wurde zerschnitten. Solange, bis ein ungefüger Stich die Klinge zurückschnappen ließ. Er starrte auf seine Hand: Rot. Endlich.

 

An einem langen, weißen, halb besetzten Tisch saßen Elena und Markal, zwischen ihnen ihre Essenstabletts. Sie fragte: "Was hast du mit deinem Finger gemacht?"

"Nur geschnitten."

"Wie?"

"Ich war - ungeschickt, das Taschenmesser ist mir zugeklappt."

"Oh."

Er nahm eine Gabel Rosenkohl, Elena zerschnitt ihren zusammengeklappten Eierkuchen, aus dem käsige Soße quoll. Sie fragte: "Was denkst du denn jetzt über Samstag?"

Er hatte den Mund voll, versuchte zu antworten, es klang wie mm, mm, mm. Er schluckte den Klumpen herunter und sagte: "Also, ich finde es jetzt nicht etwa moralisch verwerflich -"

"Ich auch nicht!"

"Ich muss aber sagen, dass ich es nicht nochmal machen würde."

Sie schaute aufs Essen: "Das hat Hans auch gesagt."

"Wirklich?"

"Ja."

"Das wundert mich, ich meine, weil er ja an sexuellen Experimenten so interessiert .."

Elena riss die Augen auf.

Markal: "Was?'"

Sie zischte: "Könntest du hier bitte nicht von sowas reden?!"

"Du hast doch davon angefangen."

"Ja, aber wir sind hier nicht alleine!"

Er schwenkte seine Hand von links nach rechts über den Tisch, was bedeuten sollte, dass links nur das Fenster und rechts freie Stühle waren.

Sie schüttelte den Kopf.

Er, bemüht leise: "Jedenfalls dachte ich, dass er besonders daran interessiert sei."

"Und du?"

"Ich?"

"Ja."

"Für mich kam das überraschend, ich hatte nie an sowas gedacht."

"Nie?"

"Nein."

"Auch nicht, ich meine, nur vorgestellt?"

"Das ist nicht die Art Phantasie, die ich mir .."

Wieder das Augenaufreißen.

"Was ist denn?"

"Könntest du bitte leise reden?!"

"Schön. - Jedenfalls ist das nicht die Art Vorstellung, die ich interessant finde."

"Du würdest es also nicht nochmal machen?"

"Nein!"

Sie nahm einen Bissen, kaute, schluckte; murmelte: "Schade."

 

Markal schwebte im Blau. Und erinnerte sich plötzlich: an ein gelbes Planschbecken mit blauem Grund auf einem schwarzbraunen Holzbalkon, der nach Teeröl roch. Zwischen breiten Sprossen hindurch blickte er über eine grüne Wiese bis an eine Reihe Bäume mit schwarzweißen Stämmen, deren Blätter sanft rauschten. - So schön!

Da stürzte Jean auf den Balkon, rief: "Sacre dieu!", riss den Kleinen aus dem Wasser, so dass Schifflein und Entlein wild schaukelten, stürmte mit dem Schreienden, der seinen feinen Pariser Anzug durchnässte, hinein, durch das Wohnzimmer ins Schlafzimmer und schrie, oder besser gesagt: überschrie seinen Sohn mit den Worten: "Willst du das Kind umbringen?!"

"Wieso?"

"Bei diesem Wind, er holt sich den Tod!"

"Aber der Wind ist doch warm."

"Warm!", rief Jean außer sich und machte auf dem Absatz kehrt, um irgendwo, wahrscheinlich im Bad, Handtücher zu finden.

Elisabeth rappelte sich von der Nähmaschine auf. Gerade noch im sanften Sherry-Dusel hätte sie, so aufgestört, jetzt auch weinen können, aber bewegte sich erst einmal langsam in Richtung Badezimmer, stellte sich in die Tür, beobachtete, wie ihr Mann kniend das Kind trocken rieb und sagte: "Jean, dein Anzug ist völlig nass."

Er beachtete sie nicht.

Elisabeth plante jetzt sich noch etwas Mut anzutrinken um ihm dann seinen Egoismus, seine Rücksichtslosigkeit und die Tatsache vorzuwerfen, dass sie in dieser sogenannten Ehe nur eine für niedere Tätigkeiten missbrauchte Dienstbotin war. Alle paar Monate ging er wieder auf eine seiner angeblich beruflichen Parisreisen. Zwar hatte sie in den letzten zwei Jahren keine Liebesbriefe mehr in seinen Taschen gefunden aber das hieß überhaupt nichts. Sie verstand sowieso nicht, warum er nicht drüben blieb. Sie würde ihm ins Gesicht schreien: 'Warum bleibst du nicht in Paris?!'

Wahrscheinlich nur wegen des Kindes. Seinem Augäpfelchen.

 

Wie an jedem Tag seit vergangenen Samstag wollte Markal Hans töten. Sein Zimmer war wirklich zu klein um immer wieder vom Fenster bis zur Tür und wieder zurückzulaufen. Er setzte sich an den Schreibtisch, wo er das Manuskript seiner Doktorarbeit noch einmal lesen wollte beziehungsweise sollte, bevor er es Elena zum Abtippen gab. Die Einleitung lag vor ihm. Er drückte die Händflächen gegen seine Schläfen:

'Kotpusos klassische Behandlung des Drei-Körper-Problems (Acta Scientia XI, 1088) mit ihrem Fokus auf den stabilen Fall hat lange Zeit die Forschung bestimmt. Erst Touskop hat die veränderliche Chaotische Zone in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses gestellt und nachgewiesen, dass sich ihre Ausdehnung in Abhängigkeit von der lokalen Konzentration des oktopistischen Äthers minimieren lässt (Octopism 24, 310). In einer topologischen Untersuchung Chaotischer Grenzlinien (borderlines) im Drei-Körper-Problem hat Dunois .. '

Doch Dunois, unfähig bei der Sache zu bleiben, konnte nur an drei Körper: einen weiblichen und zwei männliche denken und fragte sich, ständig seit Samstag: Warum habe ich das getan? - Erst hatte er sich von Hans, diesem Hänschen, diesem drei Jahre jüngeren Kerlchen, erklären lassen müssen, dass er sich - und zwar aus reiner sexueller Grünschnäbeligkeit - bloß einbilde Elena zu lieben. Und dann - er sah in seinen verdammten Erinnerungsbildern die drei Körper Sachen machen, wofür es Begriffe gab, die zu benutzen er sich schon immer geweigert hatte und dachte: Warum muss ich das sehen? - Ich weiß, dass es passiert ist, ich schäme mich, dass es passiert ist, reicht es nicht aus, dass ich mich schäme?!

Und warum schämte er sich so? Weil er so verklemmt, so unerfahren war, wie Hans meinte? Aber warum musste er diese Erfahrung machen, deren Vorstellung er schon vorher widerlich und deren Wirklichkeit er jetzt unaussprechlich widerlich fand?! Es machte ihn wahnsinnig und so wütend auf sich, dass er die Frage nicht beantworten konnte: Warum er das mitgemacht, warum er nicht Nein gesagt hatte. Nicht einmal der Gedanke daran war ihm gekommen. Drohend hielt er sich die Hand vor's Gesicht, die unerwartet groß und kräftig aussah. Er schlug zu. Es knallte. Es schmerzte erstaunlich stark, sein Ohr dröhnte, er fühlte sich schwach, fühlte Nasses in den Augen, seltsam. In dem Moment hörte er innerlich Sibilles Stimme: 'Dauernd hängt er hier rum', und dachte: Warum hänge ich nicht auch dauernd da rum? Die Doktorarbeit existierte als handschriftliches Manuskript, Kugelschreiber auf Kästchenpapier und seine Schrift war wirklich schändlich. All die fremden Fachbegriffe konnte Elena unmöglich korrekt abschreiben, wenn er nicht ständig daneben saß. Mit einem Mal zufrieden stellte er sich vor, wie Hans dumm dazwischen quatschte und Elena ihn dafür abkanzelte und Markal brauchte nichts tun als gelassen auf dem Sofa zu sitzen. Und mal sehen, was passierte, wenn er abends nicht ging.

Er hatte so ehrliche, gute Absichten gehabt: Hans zu tolerieren, ihn nicht verdrängen zu wollen. Wofür der ihn nur verachtete und seine Liebe beschimpfte und ihn am Ende auch noch als Objekt gebrauchte, um seine sexuellen Phantasien auszuleben. Absolut erfreulich, wenn Elena sagte, dass es dann doch nicht so prickelnd für ihn war, aber das machte seine Absichten nicht weniger böse. Ein Hedonist, wie er im Buche stand, der nichts kannte als die rücsichtslose Befriedigung seiner Lust. So einen zu bekämpfen war gut. Hans zu beseitigen ohne ihn zu töten war sogar noch viel besser.

 

Jean lächelte, als er seinem vierjährigen Sohn nachblickte, der vor ihm durch den Wald lief: so versunken in die Umgebung, dass nichts sonst zählte. Auf dem Hinweg waren sie nass geworden, aber jetzt waren die Regenwolken verweht, die letzten Sonnenstrahlen des Tages kreuzten die Stämme und Jean sorgte sich nur, dass Markal sich erkälten könnte, er sagte: "Wenn wir nur etwas tun könnten um seine Hose trocken zu kriegen".

Elisabeth meinte: "Aber die Jacke ist doch wasserdicht."

Markal sagte: "Papi, trag mich".

Jean hielt das für eine gute Idee, nahm ihn auf den Rücken und Markal, kleine Arme um seinen Hals, bat: "Papi, erzähl mir eine Geschichte"

"Bien alors", meinte Jean, überlegte einen Moment, dann begann er: "Eines Abends, nachdem Markal im Bett lag und die Augen zugemacht hatte, kam der Kleine Mann ..."

Das Geschichtenerzählen hatte mit Markals Schlafschwierigkeiten begonnen. Abends konnte es Stunden dauern, bis man ihn zum Einschlafen brachte, wenn Elisabeth ihm etwas vorsang, dann 'Gute Nacht' sagte und die Tür schloss, kam er einem meist nach einer halben Stunde schon wieder mit kleinen Augen im Flur entgegengewandelt und jammerte: "Kann nicht schlafen". So war Jean auf die Idee mit den Geschichten gekommen, hatte ihm zuerst ein paar französische Märchen erzählt, bis Elisabeths Mutter, eine der weisesten Frauen, die er je die Ehre gehabt hatte kennenzulernen, ihm geduldig erklärte, dass er mit all dem Französisch das Kind überfordere, Markal habe sowieso Sprechschwierigkeiten, - was Jean nicht fand, sein Sohn korrigierte ihn ja sogar: "Papi, das heißt 'das Haus', nicht 'die Haus'" -, aber jedenfalls hatten sie beschlossen sich erst einmal auf das Deutsche zu konzentrieren und so hatte er, weil er die deutschen Märchen nicht kannte, angefangen aus dem Stehgreif Geschichten zu erfinden, die bald eine feste Form angenommen hatten, nämlich die vom Kleinen Mann im roten Mantel, der, wenn Markal eingeschlafen war, an sein Bett kam um seine beiden Füße, die Brüder Rechterfuß und Linkerfuß, zu einer nächtlichen Abenteuerreise abzuholen, von der sie zurückkehren mussten, bevor Markal wieder erwachte, so hofften immer alle, dass er lange und gut schlief. Ob die Geschichten wirklich diese erwünschte Wirkung hatten, war sich Jean nicht sicher, auf die Tatsache, dass Markal auch mitten in der Nacht zum Bett der Eltern kam, über "die Hände jucken" oder "böser Traum" klagte, hatten sie jedenfalls keinen Einfluss. Abgesehen davon waren sie aber ein so großer Erfolg, dass Markal jetzt zu allen möglichen Tageszeiten nach den Geschichten vom Kleinen Mann verlangte, wobei Jean gewöhnlich auf den Abend verwies, heute machte er eine Ausnahme um den Heimweg zu verkürzen. Er dachte an Markals Faszination für Tiere, Tierbücher, Tiergeschichten und alle Abbildungen von Tieren, je seltener, desto besser.

"Der Kleine Mann sah besorgt aus und rechter Fuß fragte: 'Kleiner Mann, was ist los, geht es dir nicht gut?' Der Kleine Mann sagte: 'Ich habe eine Nachricht von den Tieren bekommen, die in großer Not sind, denn die Menschen wollen das Tierreich erobern.' - 'Das geht doch nicht!', sagte Rechterfuß. Und Linkerfuß, wie immer rasch entschlossen, erklärte: 'Wir müssen ihnen helfen, Kleiner Mann, lass uns zu den Tieren reisen!' - 'Das passt gut', sagte der Kleine Mann, 'ich bin nämlich zu ihrer Ratsversammlung eingeladen, die jetzt gleich stattfindet, et alors wir müssen uns beeilen.' Er bewegte seinen Zauberstab, der drei grüne Funken sprühte. Und da waren sie im Reich der Tiere, die alle in einer großen Lichtung zusammengekommen waren. Der Elefant war ihr Präsident, weil er den dicksten Kopf hatte, er begrüßte sie: 'Kleiner Mann, wir heißen dich und deine beiden Freunde willkommen und danken dir, dass du in dieser schweren Stunde zu uns gekommen bist um uns mit deiner Klugheit zu helfen.' Und also, sie berieten über ihre Verteidigung gegen die Menschen. Natürlich waren die Tiere viel stärker. Und die Wühlmäuse wollten Löcher graben, in die die Soldaten hinein fielen, die Maulwürfe wollten Hügel aufwerfen, über die sie stolperten und die Vögel wollten ihnen um die Köpfe flattern, bis sie ganz verwirrt wären. Dann wollten die Löwen aus einem Hinterhalt kommen um sie aufzufressen und .."

"Papi?"

"Ja?"

"Was ist ein Hinterhalt?"

"Ein Hinterhalt ist, wenn man aus einem Versteck heraus plötzlich angreift."

"Also meint Mami das, wenn sie sagt 'Du bist so hinterhältig'?"

"Ich nehme an, dass sie das meint, jedenfalls - wo waren wir?"

"Die Löwen fressen sie auf!"

"T'as raison, das war ihr Plan. Und schließlich wollten die Nilpferde kommen und alle zu Boden trampeln, die nicht ihre Hände hoch hielten, denn das macht man im Krieg, wenn man aufgibt."

"Das weiß ich!"

"Gut, jedenfalls wäre das alles kein schlechter Plan gewesen, wenn sie nicht vergessen hätten, dass die Menschen auch Flugzeuge hatten aus denen Bomben fielen, die das ganze, wunderbare Tierland verwüsten und alle von oben umbringen würden und der große Elefant sagte: 'Liebe Freunde, was machen wir nur?' Da sprang ein weißes Kaninchen auf und fiepte: 'Wir müssen uns in Höhlen verstecken!' Und die Feldmäuse und die Maulwürfe versprachen dass sie schnell und viel graben würden um für alle Platz zu schaffen, denn sie waren zwar klein, aber sie waren sehr viele. 'Aber die Flugzeuge', krächzte der weise, alte Rabe, der auf dem Horn eines Nashorns saß, "sie werden dennoch Bomben abwerfen, und dann werden ihre Holzfäller unseren Wald kahlschlagen, wovon sollen wir dann leben, wenn alles zerstört ist? Wir werden ihnen ausgeliefert sein, sie werden uns Halsbänder anlegen und uns in Käfige sperren.' Da bellte der Wolf: 'Niemals!', und das Zebra und das Gnu brüllten: "Niemals!". Ein großer Tumult entstand, aber der Geier pfiff so schrill dazwischen, dass alle sich erst einmal die Ohren zuhalten mussten. Als es still geworden war, sprach er: 'Brüder! - Wir fühlen uns alle hilflos. Aber heute sind Gäste aus einem fernen Land zu uns gekommen, die vielleicht einen Rat zu unserer Rettung haben.' Da richteten sich alle Augen auf die drei, die unter einem großen Urwaldbaum standen. Rechterfuß machte einen Schritt zurück um weniger aufzufallen, während man sehen konnte, wie unzufrieden Linkerfuß war, dass ihm auch keine Lösung einfiel. Sie blickten nun beide den Kleinen Mann an, der verlegen hustete, bevor er sagte: 'Ich wüßte vielleicht ein Mittel, aber es ist sehr grausam und ich würde lieber gar nicht davon sprechen'. Dann schwieg er, als ob er nun schon alles gesagt hätte. Aber die Tiere wollten mehr hören, weil sie wirklich verzweifelt waren und sie schrien und bellten und brüllten, dass er weitersprechen sollte und Linkerfuß sagte: 'Kleiner Mann, was meinst du denn?' Da runzelte der Kleine Mann die Stirn, als ob er sagen wollte 'Ich habe euch gewarnt', aber er sagte: "Alors, es betrifft die Vögel unter euch. - Wenn sie den Flugzeugen entgegenfliegen, dann wird sich ihre Geschwindigkeit und die der Flugzeuge addieren und sie werden damit selbst zu Geschossen, die die Flugzeuge zerstören. Aber sie werden dabei sterben.' "

Jean holte gerade Luft für den nächsten Satz, als Elisabeth einwarf: "Oh Gott, was ist das für eine schreckliche Geschichte!"

Jean war ein bisschen verunsichert, aber Markal sagte: "Erzähl weiter!"

"Was meinst du denn, wie sich die Tiere entschieden haben?"

"Die Vögel sollen fliegen", sagte Markal.

"Aber vielleicht gibt es doch noch eine andere Möglichkeit."

"Ja", meinte Elisabeth.

"Nein, die Vögel sollen fliegen!"

Elisabeth hatte das Gefühl weit entfernt zu sein. Wie eine Fremde ging sie hinter den beiden und wusste nicht, was sie hier überhaupt machte. Durch einen Schleier hörte sie Jean die heroische Rede des alten Adlergenerals halten, der auf Wunsch des vierjährigen Intriganten mit seinen Vögeln in den Tod gehen sollte. Diese Geschichten waren völlig aus dem Ruder gelaufen. Jean wollte ihr das Kind entfremden, das mit tückischer Schläue seine Eltern gegeneinander ausspielte, was ihre Mutter auch schon bemerkt hatte, wobei nach Mamchens Erklärung Markal in seiner 'egoistischen Phase' war. Dass die bald vorüber wäre, hatte Elisabeth aber wenig Hoffnung, erst neulich war das kleine Monstrum nach ein paar harmlosen Klapsen schreiend zum Papi gerannt und hatte behauptet: "Mami schlägt mich!" Worauf Jean brüllend in die Küche gestürzt war und sie hoch und heilig hatte versprechen müssen, nie wieder das Kind zu schlagen. Wenn sie sich Mut antrank und zurückschrie, flüchtete er in sein Arbeitszimmer, drehte den Schlüssel um und sie hörte ihn leise fluchen, was für ein Idiot er sei, dass er in diesem verdammten Deutschland blieb.

 

Der Wecker lärmte, Elenas Hand tastete unter der Bettdecke hervor und schlug das Klingeln aus. Bevor sie die Augen aufmachte, ging ihr der Tagesablauf durch den Kopf: erst Spezielle Statistik, dann die Hauptveranstaltung Metamorphe Übergänge III. Mittag: Sibille treffen. Praktikum bis sechs. Abends Björns Geburtstag, hoffentlich vergaß Hans nicht das Geschenk zu besorgen, sie machte sich einen inneren Vermerk, ihn deswegen später noch anzurufen. Nur noch vier Wochen bis zum Semesterende, am Tag danach würde sie nun wohl also mit Hans alleine nach Griechenland fahren, Sibille hatte den neuen Plan eigentlich schon besiegelt, als sie gestern am Telefon sagte: "Du glaubst doch nicht, dass ich dazwischen sein will, wenn deine Männer sich die Köpfe einschlagen!" Also mit Hans den Juli. Sibille und Markal dann im August. Heute war der 4. Juni, bis Ende des Monats musste sie noch das metallurgisch-chemische Praktikum durchstehen, einen Vortrag halten, für drei Klausuren und ein Kolloquium lernen, an mindestens einem Wochenende ihren Vater und seine blöde Frau in Schmegen besuchen und - Markals Doktorarbeit, wenn sie daran dachte ...

Entschlossen warf sie die Decke beiseite, sprang aus dem Bett und griff nach den Kleidern.

"Musst du schon weg?", kam von hinten eine Stimme.

"Ich muss in zwanzig Minuten in der Vorlesung sein", sie zog sich rasch an.

"Aber .."

"Was?"

"Ich wollte wegen des Tippens meiner Arbeit noch mit dir sprechen."

"Was willst du denn besprechen?"

"Wie wir das machen, ich meine .."

"Bring sie mir doch einfach vorbei."

"Aber ich habe sie dabei."

"Du hast sie dabei?", Elena hatte nicht erwartet, dass diese Schwierigkeit schon so nah war.

"Ja."

"Dann lass sie mir doch einfach da", sie war fertig, griff nach ihrer Tasche mit den Sachen für die Uni.

"Ja okay, nur .."

"Was?"

"Du brauchst mich doch wahrscheinlich, ich meine, wenn du etwas nicht lesen kannst oder .."

"Du kannst ja am Donnerstag mal vorbeikommen."

"Am Donnerstag?"

"Ja. - Wenn du gehst: kannst du einfach die Tür zuziehen?"

 

Hans saß auf Elenas gestreiftem Sofa, er tippte. Neben ihm lag ein Stoß handgeschriebener Blätter. Elena war am Schreibtisch mit ihren Vorlesungsmitschriften beschäftigt. Aber nicht sehr konzentriert, sie sagte: "Ich glaube, ich muss Anfang August dann erst mal meine Tante Voula besuchen."

Hans lächelte: "Hoffentlich muss Sibille dann nicht einbrechen um dich da rauszuholen."

"Ich werde Sibille vom Bahnhof abholen und dann gleich mit zu meiner Tante nehmen. - Außerdem ist sie wirklich sehr nett."

"Tante Voula ist nett?"

"Ja."

"Dann willst du mich ihr ja sicher auch vorstellen."

Elena warf ihm einen strafenden Blick zu.

Hans: "Ich glaube, im Vergleich mit deinen Verwandten da unten, ist dein Vater regelrecht fortschrittlich."

"Nur weil ich dich ihm vorgestellt habe, bist du noch lange nicht akzeptiert."

"Ich weiß."

"Du weißt ja, dass wir heiraten müssen, wenn sie in Griechenland von dir erfahren."

"Ich weiß."

Mit gerunzelter Stirn blickte Hans auf das Manuskript, er ratterte zwei Zeilen runter, dann fragte er: "Und was sagst du deiner Tante, wo du den ganzen Juli über warst?"

"In Deutschland!"

"Ah, und deinem Vater?"

"Er weiß natürlich Bescheid! - Schließlich habe ich auch oft genug seinen wahren Standort verheimlicht."

Hans: "Und was machst du mit Markal, während du mit Sibille bei deiner Tante bist?"

"Er kann solange im Hotel schlafen und vielleicht schon mal ein paar von seinen Museen besuchen."

Es klingelte, Elena stand auf. Hans blickte ihr hinterher. Er konnte sich denken, wer das war.

Sie kam zurück, die bewusste Person im Schlepptau, die sagte: "Hallo Hans."

"Hallo Markal."

Hans sah dessen ungläubigen Blick, der Mann hatte im wahrsten Sinne des Wortes den Mund offen stehen, als er das Manuskript, dann ihn, dann wieder das Manuskript anstarrte. Hans sagte: "Ich habe da eine Frage".

"Äh - ja?"

"Ich finde nirgendwo eine Definition der Durchdringung."

"Die Durchdringung - wo?"

"Hier zum Beispiel", Hans zeigte auf eine Passage, sie lautete:

'Zentral für Kotpusos ursprüngliche Oktopismustheorie ist der oktopistische Äther, der die Objekte durchdringt. Der Begriff der Durchdringung, insbesondere ihre relative Stärke, wurde anfangs stark diskutiert, bis Kotpuso nachweisen konnte, dass die Durchdringung eines Objekts stets vollständig ist, also im Formalismus gleich eins gesetzt werden muss (Acta Scientia XII, 725).'

Markal: "Und warum muss ich da eine Definition reinschreiben?"

"Weil die Durchdringung nicht immer gleich eins sein kann."

"Wie bitte?!"

"Zum Beispiel bei nur einem Objekt."

"Du meinst im Ein-Körper-System."

"Wenn ihr das so nennt."

"Aber gerade da ist sie automatisch gleich eins."

"Eben das ist unlogisch."

Markal sagte: "Die Durchdringung ist derjenige Prozentsatz der Objekte in einem System, auf die ein durchschnittliches Objekt wirkt. Und ein Objekt wirkt immer auch auf sich selbst, deshalb ist die Durchdringung eines Einersystems automatisch eins. Das ist trivial. Was nicht trivial ist, ist die Tatsache, dass D gleich eins auch für große Objektzahlen gilt."

Elena: "Und warum ist das so?"

"Weil der oktopistische Äther eine Wirkung aller auf alle vermittelt, die alle versklavt, gleichgültig wie groß die Gesamtheit ist. "

Elena: "Die alle versklavt?"

"Ja, aber mach dir keine Sorgen, das ist nur Jargon."

Hans: "Na gut, dann habe ich das falsch verstanden. Aber das zeigt nur, dass ich recht habe: Mein Missverständnis wäre nicht möglich gewesen, wenn die Definition dabei stehen würde."

"Diejenigen, die meine Arbeit bewerten, kennen die Definition. Außerdem will ich nicht in der Einleitung schon Definitionen auflisten."

Hans wiegte den Kopf.

"Wieviel hast du denn getippt?"

"So acht Seiten."

"Das war sehr nett von dir", sagte er mit gespielter Freundlichkeit, "könntest du mir die geben?"

"Natürlich", Hans lächelte.

 

Er hasste es, aber konnte tippen, wenn er wollte. Nicht wollte: musste. Nein, er konnte nicht tippen, nicht acht Seiten in ein paar Stunden wie anscheinend Hans. Er konnte es nicht, weil er es hasste; alle Arbeit mit seinen Händen hasste. Er hatte nichts dagegen Dinge zu berühren, solange er sich nicht die Hände schmutzig machte. Aber jetzt musste er die Tastatur berühren. Die im Institut auf dem Schreibtisch in dem Zimmer, das er nie betrat. Nachdem er es betreten, mit Gummihandschuhen, Putzlappen und einer Flasche Desinfektionslösung bewaffnet die Tastatur und sicherheitshalber auch die Tischplatte gereinigt hatte - es war furchtbar, wegen des Geruchs und vor allem wegen der Gummihandschuhe. Danach setzte er sich an den Tisch, warf einen Blick auf Klamar gegenüber, der ihn wie ein stummes Spiegelbild anglotzte, wenn er angeglotzt wurde, und sonst nicht.

Klamar war sein Zimmerkollege, der borstiges, schwarzes Schweinehaar und einen intensiven Körpergeruch hatte; der selten sprach und wenn, dann nur über Oktopismus. Klamar war immer hier, deswegen war Markal nie hier. Wenn Klamar nicht hier gewesen wäre, hätte er seine Tastatur früher gereinigt, dann hätte er sie vielleicht nicht reinigen müssen, weil er dann die Atmosphäre als weniger schmutzig empfunden hätte. Aber jetzt musste er und jetzt musste er in Klamars Anwesenheit seine Doktorarbeit tippen, was ihm leicht fallen sollte, da er so tun konnte, als ob Klamar nicht da sei, da der immer nur auf seinen Bildschirm starrte. Solange Markal nirgendwo anders hin starrte.

Es ging nicht anders. Markal tippte, Elena existierte, die Griechenlandreise war immer noch angesetzt und irgendwann reifte in ihm ein Entschluss.

 

Es war heiß, wie es am 1. Juli sein sollte. Elena und Sibille standen auf dem Bahnsteig an Gleis 3, neben Elena war ein großer, bunter Rucksack an einen Pfeiler gelehnt. Sibille sagte: "Na, dann wünsche ich dir, dass alles gut geht und wir sehen uns in einem Monat in Athen."

"Was soll denn nicht gut gehen?"

"Ich weiß nicht."

"Es wird schon gut gehen."

"Wo seid ihr dann in München?"

"Bei Hans Großvater."

"Das hattest du schon gesagt, ich meine in welchem Stadtteil."

"Ach so, Hans hat gesagt - Schwabing, er holt mich aber am Bahnhof ab."

"Wollte Markal nicht auch kommen?"

Elena, erschrocken: "Nach München?"

"Nein! - Hierher."

"Ja, ich glaube."

"Dann muss er sich aber beeilen."

"Wenn er es nicht schafft, gib ihm einen Kuss von mir."

"Das tue ich garantiert nicht", sagte Sibille gerade, als sie Markal die Treppe heraufkommen sah. Mit Rucksack!

"Fährt er jetzt etwa doch schon mit?", fragte sie entgeistert, Elena hatte nur Zeit einmal den Kopf zu schütteln, als er schon vor ihnen stand: "Hallo!"

Elena: "Wo fährst du denn hin?"

"Nach Frankfurt, und dann zu meiner Mutter."

"Ach so!" Sibille kriegte wieder Luft.

Markal zu Elena: "Ich dachte, wenn du es mir erlaubst, könnten wir bis Frankfurt im gleichen Zug fahren."

"Ach so, ja natürlich."

Sibille wandte sich zur Seite.

Elena zu Sibille: "Was ist denn?"

"Nichts, nur - wie du das machst mit deinen zwei Männern, ist mir schleierhaft."

Elena zuckte mit den Schultern, Markal starrte am Gleis lang.

 

Im Abteil schräg gegenüber saß ein grauhaariges Paar, der ältere Herr blickte Elena wohlwollend an, während Markal ihr ins Ohr flüsterte: "Dienstag Abend habe ich mich so betrunken, dass ich vor meiner Tür vom Fahrrad gefallen bin", er hatte ein Pflaster und Kratzer am rechten Arm.

"Und wo wolltest du hin?"

"Ich kam nach Hause."

"Und warum hast du das gemacht?"

"Wegen - dir!"

Sie flüsterte: "Könntest du bitte leiser reden!"

Er flüsterte: "Wenn ich an Hans denke, werde ich wahnsinnig. - Ich hasse es, wenn ich dich bloß seinen Namen aussprechen höre!"

Elena war zwar nicht sicher, was die Leute gegenüber verstanden, ihre Gesichter nahmen aber einen zunehmend eisernen Ausdruck an. Sie blickten nun zum Fenster hinaus, doch auf Elena gerichtet blieben zwei Ohren, die - rot und röter auf zwei Silberschläfen - alles hören mussten, und alles sahen und wussten.

Nachdem der Zug an einem Bahnhof zum Stehen gekommen war und die älteren Leute sogar grüßend das Abteil verließen, wandte sie sich wieder Markal zu, der jetzt den leeren Sitz gegenüber anstarrte, seine Lippen bewegten sich, aber sie hörte nichts.

"Was?"

"Ich will ihn weghaben."

"Wen?"

"Hans."

Sie sagte nichts.

"Ich könnte ihn töten!"

"Du wirst niemanden töten."

"Ich will, dass du dich von ihm trennst!"

"Ich werde mich nie von Hans trennen. - Und wenn ich mich doch mal von ihm trennen sollte, wenn wir uns irgendwann überhaupt nicht mehr verstehen, dann hat das sowieso nichts mit dir zu tun."

"Ich würde dich sogar heiraten!"

"Dich würde ich sowieso nie heiraten!"

 

Elisabeth begrüßte ihn in ihrer schrecklichen Wohnung mit "Hallo Schatzi", einer schlabbrigen Umarmung und wieder mal mit der triumphierenden Feststellung, sie habe jetzt aufgehört zu trinken.

Klamar stank, Markal tippte, als - seltener Besuch! - Professor Touskop hereinkam und sagte: "Herr Dunois, sie wissen, ihr Termin ist am Montag." - "Ja." - "Sie werden fertig?" - "Ja."

Der Zug rasselte durch die Nacht. Markal hatte sein Gedächtnis verloren. Lichter glühten: rote, grüne. Die Welt brannte. Er lachte wahnsinnig, öffnete den Mund, fraß die Feuer. Dunkel, ein Tunnel, der Tunnel endete. Er schrak zusammen, denn eine nackte Riesin raste heran, öffnete ihr drachenzahniges Maul und spie Flammen in sein Gesicht. Er warf sich auf die Polster, verbarg den Kopf, der Zug ratterte. Dunkelheit drinnen und draußen. Neugierig blickte er zurück. Da war sie: näherte sich schon wieder auf schleimig glänzenden Zweimeterbeinen, mit pendelnden Brüsten, vogelhaft nach ihm schreiend.

Und er, in wahnwitzigem Leichtsinn, stellte sich, rief: "Du wirst wählen! Verdammt! Du wirst wählen!" Dann wartete er, blieb sitzen, saß im Dunkeln. Und konnte sich an Elenas Gesicht nicht erinnern.

 

 

© Anthony Thwaites